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Tim Neuhaus - „Pose I + II“

Nach "The Cabinet" (2011) und "Now" (2013) erscheint Neuhaus offiziell drittes Album am 22. September 2017 bei Grand Hotel van Cleef. Fast jedes Instrument darauf hat der Hagener Multiinstrumentalist selbst eingespielt. Für Neuhaus geht der Entstehungsprozess der neuen Stücke zurück zu seinen Anfangstagen als Musiker: "Ich habe die Songs so geschrieben und aufgenommen, wie ich es mit 16 schon gemacht habe. Nicht zu viel nachdenken, wenige Effekte nutzen, nicht vor Experimenten zurückschrecken“, sagt Neuhaus. Dabei kamen, mehr als je zuvor, die zwei Seiten von Tim Neuhaus als Musiker zum Vorschein: Als musikalischer Kollaborateur von Clueso oder als Live-Musiker für Acts wie BOY oder Glen Hansard hat er auf riesigen Bühnen vor tausenden Menschen gespielt.

Dort hat er gelernt, wie gute, wertvolle Popsongs entstehen und wie sie auf den Hörer wirken. Auf der anderen Seite könnte man ihn aber auch als absoluten Musik-Nerd bezeichnen. Das Schlagzeug ist essentieller Teil von Neuhaus als Mensch an sich, daher sind seine Songs viel rhythmus-orientierter als bei den meisten Songwritern. Seine Solo-Songs sind oft verspielt, manchmal fast schon avangardistisch. Wie der Albumtitel nahelegt, ist "Pose I + II" ein zweigeteiltes Album, das diese zwei Seiten des Musikers Tim Neuhaus darstellt. Auf "Pose I", der A-Seite, finden sich ein paar der eingängigsten Stücke, die Neuhaus je veröffentlicht hat. Die Songs sind im besten Sinne "Pop" funktionieren dennoch mehrdimensional und sind alles andere als klebrig.

Der Start des Albums ist für seine Verhältnisse sogar richtig stürmisch geraten: in "The Music That You Are" und "American Dream In Berlin" packt Tim Neuhaus die E-Gitarre aus, die er seit seiner Jugend in lokalen Prog-Rock Bands vernachlässigt hatte, und liefert zwei stampfende Fast-schon-Rock Songs ab. "Starting To Lose It" erinnert mit seinem leichtfüßigen Pfeif-Motiv an sein erstes Album "The Cabinet", dem diese schlichte Schönheit vieler skandinavischer Songwriter innewohnte. In den gerufenen Chören auf "Forest Fire" wiederum fühlt man sich an Arcade Fire erinnert, die hier aber in kleinerer Besetzung auftreten, bevor der US-Schriftsteller Henry Miller im Finale zu Wort kommt. Mit "A Little Love" folgt ein bittersüßes Liebeslied, das sich sowohl im Stadion als auch als erster Track auf einem romantischen Mixtape gut machen würde.

Am Ende des ersten Teils erklingt ein kurzes Streicher-Interlude, welches wie alle Streicher auf dem Album von Anne de Wolff (u.a. Calexico, Wir Sind Helden, Bosse), eingespielt wurde, und den zweiten Teil einleitet. Auf der B-Seite "Pose II" lässt Tim Neuhaus den Frickler in sich freidrehen: "Control" startet direkt mit einem vetrackten Drumbeat und schiefen Breaks die von einem kurzen Gitarrenriff unterbrochen werden, der im ersten Moment nach Metal klingt, bevor der Song im weiteren Verlauf immer mehr elektronische Element einfließen lässt. Trotzdem schafft Neuhaus es, aus diesen verschiedenen Einflüssen einen funktionierenden Songs zu erschaffen. "Control" steht exemplarisch für die vielen Experimente und ungewöhnlichen Arrangements auf der zweiten Albumhälfte. Kaum ein Song endet so, wie er es zu Beginn vermuten lässt. "Realize" ist eine von Feedback-getragene Elegie, "BSTRD" hallgetränkter Grunge.

Auch das klassische Feature setzt Neuhaus anders um als die meisten: "Lila" wird fast komplett von US-Songwriter Ian Fisher gesungen, Neuhaus selbst ist nur leise im Hintergrund zu hören. Wie schon beim Album "Now" hat Fisher einige Texte mit Neuhaus gemeinsam geschrieben. Der Song "Pose" beendet das Album still und nur auf Gesang, eine gezupfte Gitarre und Streicher-Arrangements reduziert. Fest steht: soviel Musik wie auf "Pose I + II" gab es bisher noch auf keinem Tim Neuhaus Album. Und obwohl die Songs darauf in zwei Hälften aufgeteilt sind, ist es als gesamtes Album runder, organischer als seine Vorgänger. Als Songwriter ist Tim Neuhaus nun endlich da, wo er seit seinem Aufbruch aus Hagen immer hin wollte. Oder, wie es sein guter Freund Clueso sagt: "Ich habe das Gefühl ich höre alle deine Helden, obwohl ich sie gar nicht alle kenne. Ich sehe die Momente, wenn die Musik dein Freund ist. Ich kenne niemanden, der soviel Musik macht, jedes Instrument spielt, soviele Kilometer fährt. Ich könnte dich für dieses Album umarmen. Danke, dass ich mit dir Musik machen darf."


Bewertung:

GENRE: Alternative/ Indie

TRACKLIST:

„Pose I“
1. The Music That You Are
2. American Dream In Berlin
3. Starting To Lose It
4. Forest Fire
5. A Little Love
6. Anyone You Need To Call
7. Tomorrow’s Somewhere Else (Interlude)

„Pose II“
8. Control
9. Shine On
10. Realize
11. BSTRD
12. Lila (feat. Ian Fisher)
13. Pose

VÖ: 22.09.2017
Format: CD / LP / Digital
Label: Grand Hotel van Cleef
Auf Tour im Norden: 05.12.17 Hannover, Lux | 14.12. Hamburg, Uebel & Gefährlich | 16.12. Bremen, Tower


Rezensionist: Florian

FAZIT:

Ein gefühlvolles, tiefgründiges Album voll sanfter, aber auch schräger Töne. Bewertung: 5 von 10 möglichen Punkten.

--> Musikvideo: Tim Neuhaus - "American Dream In Berlin"